Was die Studienlage tatsächlich hergibt
NARM wurde von Laurence Heller entwickelt und in dem Buch Healing Developmental Trauma (deutsch: Entwicklungstrauma heilen) beschrieben. Die theoretischen Wurzeln liegen in der Bindungsforschung und der Entwicklungspsychologie, verbunden mit Elementen der Körperpsychotherapie. Das ist eine nachvollziehbare Grundlage, die allerdings keine Wirksamkeitsforschung ersetzt.
Stand heute existieren zu NARM Fallberichte und Praxisliteratur, jedoch keine randomisierten kontrollierten Studien und keine kontrollierten Outcome-Studien. Zum Vergleich: Für Somatic Experiencing, ein verwandtes körperorientiertes Verfahren, gibt es inzwischen erste kontrollierte Studien, darunter eine randomisierte Studie zu PTBS (Brom et al., 2017). Verfahren wie EMDR oder die kognitive Verhaltenstherapie haben Jahrzehnte an Wirksamkeitsforschung hinter sich.
Zur Einordnung gehört auch: Psychotherapieforschung ist teuer, und von den mehreren hundert Therapieverfahren am Markt ist nur ein kleiner Teil formal untersucht. Fehlende Studien sind bei neueren Verfahren also eher die Regel, was die Anbieter nicht aus der Pflicht nimmt: Wer ein Verfahren bewirbt, trägt dafür die Beweislast. Bis sie erfüllt ist, lässt sich zur Wirksamkeit von NARM ehrlicherweise nur sagen, dass wir es noch nicht wissen.
Woran du überzogene Versprechen erkennst
Donald Meichenbaum, einer der Begründer der kognitiven Verhaltenstherapie, hat gemeinsam mit dem Psychologen Scott Lilienfeld eine Checkliste mit 19 Warnsignalen veröffentlicht, an denen sich überhypte Therapieverfahren erkennen lassen. Sie richtet sich an Fachleute, funktioniert aber genauso gut für Klient:innen. Einige der Signale:
- Das Marketing arbeitet mit Begriffen wie „revolutionär“, „Durchbruch“ oder „transformierend“.
- Jemand sagt dir sinngemäß: „Wenn dir das nicht hilft, hilft dir nichts.“
- Erfahrungsberichte und Einzelfälle ersetzen Studien.
- Die Ausbildung ist in mehrere aufeinander aufbauende Stufen und Zertifikate gestaffelt.
Einzelne dieser Signale wirst du im Umfeld fast jedes Therapieverfahrens finden, und einige treffen auch auf NARM zu: Die NARM-Ausbildung selbst ist mehrstufig aufgebaut, und im Marketing mancher Anbieter tauchen große Worte auf. Die Autoren betonen, dass die Liste kein Ausschlusskriterium ist, denn auch gut belegte Verfahren werden gelegentlich überhypt. Je mehr Signale zusammenkommen, desto genauer lohnt sich der Blick in die Studienlage, bevor du Zeit und Geld investierst.
Heißt das, NARM wirkt nicht?
Nein. Fehlende Studien belegen keine Unwirksamkeit, sie bedeuten Ungewissheit. Der am gründlichsten untersuchte Wirkfaktor von Psychotherapie überhaupt ist die therapeutische Beziehung, und die trägt in einer NARM-Sitzung genauso wie in jeder anderen. Viele Menschen kommen zu körperorientierten Verfahren, nachdem sie in klassischer Therapie viel verstanden haben und sich trotzdem wenig verändert hat. Für dieses Anliegen ist NARM ein Angebot mit offenem Ausgang, und seriöse Therapeut:innen benennen genau das im Erstgespräch.
Wobei dir die Studienlage tatsächlich hilft: bei der Erwartung. Wer mit „das wird mich in acht Sitzungen verändern“ startet, wird von jedem Verfahren enttäuscht. Realistischer ist ein Versuch mit klaren eigenen Kriterien. Woran würdest du nach zehn Sitzungen merken, dass sich etwas bewegt?
Eine ehrliche Grenze: ADHS und Autismus
Entwicklungstrauma-Modelle deuten viele Erfahrungen als Folge früher Verletzungen. Bei ADHS und Autismus stößt diese Logik an eine Grenze: Beides sind keine Traumafolgen, und beides lässt sich nicht durch Traumaarbeit „auflösen“. Trauma kann zusätzlich vorliegen, bei neurodivergenten Menschen sogar überdurchschnittlich oft, und daran lässt sich gut arbeiten.
Warnsignal: Wer dir in Aussicht stellt, ADHS oder Autismus über Traumaarbeit zu beheben, verspricht zu viel. Gute Therapeut:innen unterscheiden zwischen dem, was Neurotyp ist, und dem, was Traumafolge ist. Sprich das im Erstgespräch offen an, wenn es dich betrifft.
Wenn du NARM ausprobieren möchtest
Ob du NARM ausprobierst, bleibt deine Abwägung. Ein paar Dinge machen sie leichter:
- Die Person hat eine staatlich anerkannte Grundlage, also eine Approbation oder eine Erlaubnis als Heilpraktiker:in für Psychotherapie nach §1 HeilprG.
- Die NARM-Ausbildung ist abgeschlossen und mit Zertifikat belegt, nicht nur als Wochenendseminar besucht.
- Auf die Frage „Wie stehst du zur Studienlage bei NARM?“ bekommst du eine ehrliche Antwort statt einer gekränkten.
Im kostenlosen Erstgespräch merkst du schnell, wie die Person auf kritische Fragen reagiert und ob du dich gesehen oder überredet fühlst. Wenn du unsicher bist, welches körperorientierte Verfahren überhaupt zu deinem Anliegen passt, hilft dir unser Überblick „Welche körperorientierte Therapie passt zu mir?“ weiter.
Wie wir bei Kaufmann Health damit umgehen
Wir listen NARM-Therapeut:innen, weil viele Klient:innen gezielt nach Begleitung bei Entwicklungstrauma suchen. Zur Transparenz: Die Autorin dieses Artikels ist selbst ausgebildete NARM-Therapeutin und im Verzeichnis gelistet, hat also ein Interesse an der Methode. Umso wichtiger ist uns, hier nur zu behaupten, was belegbar ist. Wir prüfen Ausbildungsnachweise und die staatlich anerkannte Grundlage jeder gelisteten Person, und wir versprechen dir keine Wirksamkeit, die nicht belegt ist. Ob NARM zu dir passt, prüfst du am besten selbst im kostenlosen Erstgespräch.
